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Medizinische Heilhypnose - Hypnose ist das griechische Wort für Schlaf

Mit Schlaf aber hat die medizinische Heilhypnose nichts zu tun. Sie können sich nach einer Behandlung an alle Worte erinnern, die Ihnen Ihr Therapeut gesagt hat. Sie nehmen auch die Umweltgeräusche wahr, nur sie stören Sie nicht mehr. Der Erfolg der Hypnosetherapie besteht darin, dass durch entsprechende Formeln Ihr Unterbewusstsein im positiven Sinn neue Impulse erhält, die es dann später umsetzt. Das Unterbewusstsein steuert in jedem Menschen mindestens 70% aller Lebensvorgänge; nur 30% werden durch den Willen beeinflusst. Dieses sind feststehende Zahlen, die anerkannt sind. Amerikanische Forscher gehen inzwischen soweit, dass sie behaupten, 90% aller Lebensvorgänge werden durch das Unbewusste gesteuert, nur 10% durch den Willen.
Die Heilhypnose trägt nun dazu bei, Ihr Unterbewusstsein als Partner zu bekommen, positiv denken zu lernen. Das Unbewusste in jedem Menschen hat nämlich immer das Bestreben, sein Wunschdenken zu verwirklichen. Wie stark das Unbewusste in Ihnen herrscht, haben Sie bestimmt schon oft erlebt. Gehen Sie eine aufkeimende Unruhe mit: "ich will das nicht" an, so werden Sie erleben, dass die Unruhe zunimmt, also die negativen 70% stärker sind. Hier ist es dann wichtig, durch die Therapie umzulernen auf das "Wunschdenken", z. B. "ich bin ganz ruhig".
Medizinische Heilhypnose - Hypnose ist das griechische Wort für Schlaf
Mit Schlaf aber hat die medizinische Heilhypnose nichts zu tun. Sie können sich nach einer Behandlung an alle Worte erinnern, die Ihnen Ihr Therapeut gesagt hat. Sie nehmen auch die Umweltgeräusche wahr, nur sie stören Sie nicht mehr. Der Erfolg der Hypnosetherapie besteht darin, dass durch entsprechende Formeln Ihr Unterbewusstsein im positiven Sinn neue Impulse erhält, die es dann später umsetzt. Sie hören jetzt so oft den Begriff "Unterbewusstsein".
Das Unterbewusstsein steuert in jedem Menschen mindestens 70% aller Lebensvorgänge; nur 30% werden durch den Willen beeinflusst. Dieses sind feststehende Zahlen, die anerkannt sind. Amerikanische Forscher gehen inzwischen soweit, dass sie behaupten, 90% aller Lebensvorgänge werden durch das Unbewusste gesteuert, nur 10% durch den Willen. Die Heilhypnose trägt nun dazu bei, Ihr Unterbewusstsein als Partner zu bekommen, positiv denken zu lernen. Das Unbewusste in jedem Menschen hat nämlich immer das Bestreben, sein Wunschdenken zu verwirklichen. Wie stark das Unbewusste in Ihnen herrscht, haben Sie bestimmt schon oft erlebt. Gehen Sie eine aufkeimende Unruhe mit: "ich will das nicht" an, so werden Sie erleben, dass die Unruhe zunimmt, also die negativen 70% stärker sind. Hier ist es dann wichtig, durch die Therapie umzulernen auf das "Wunschdenken", z. B. "ich bin ganz ruhig". In diesem Fall wirkt Ihr Denkimpuls positiv in Ihr Unbewusstes und kommt daher als Echo auch positiv zurück. Sie sehen also, dass die Heilhypnose nichts "Unheimliches" an sich hat, sondern ein Ruhezustand ist, in dem Ihr Unterbewusstsein zugeschaltet ist und alles, was man Ihnen sagt, wird dort gespeichert, ähnlich einem Computer. Alle positiven Suggestionen sind dann immer abrufbereit für Sie da.


Wie wird nun eine Therapie durchgeführt? Der Patient legt sich ganz bequem auf eine Liege, nachdem er seine Schuhe ausgezogen und beengende Kleidungsstücke geöffnet hat. Der Therapeut sitzt dann neben dem Patienten und fordert diesen auf, einen Gegenstand anzusehen, den er ihm über die Augen hält, oder gleich die Augen zu schließen. Durch beruhigendes Einreden auf den Patienten kommt dieser dann in einen vertieften Ruhezustand, in dem sein Unterbewusstsein mehr und mehr auftaucht. Je tiefer der Ruhezustand, umso weiter öffnet sich das Unterbewusstsein. Körperlich spüren Sie eine angenehme Schwere und Wärme, sowie eine herrliche Ruhe. In diesem Zustand erhalten Sie nun, je nach Ihrem Krankheitsbild, individuelle Suggestionen. Diese Suggestionen werden mehrmals wiederholt. Da Sie sich auch im Wachzustand an diese Formeln erinnern können, lernen Sie, anders zu denken. Diese positiven Denkimpulse lösen dann im Unbewussten die dort verankerten Heilsuggestionen aus. Am Ende der Therapie, die im Schnitt 40 Minuten dauert, zählt der Therapeut bis zu einer bestimmten Zahl, nach der Sie dann frisch und munter aufwachen. Oftmals wird die Frage nach der Hypnotisierbarkeit gestellt. Hier wird oft davon ausgegangen, dass weniger intelligente Menschen leichter zu therapieren sind als intelligentere. Dies ist jedoch ein Trugschluss. Je intelligenter ein Mensch ist, umso leichter ist er zu therapieren. Man kann darum sagen, dass jeder geistig gesunde Mensch zu hypnotisieren ist. Es gibt natürlich auch Situationen, wo eine Heilhypnosebehandlung nicht angezeigt ist, so zum Beispiel bei Kindern unter 6 Jahren, Menschen mit starken arteriosklerotischen Bewusstseinsstörungen, Psychosen und manischen Depressionen, auch ein sehr niedriger Blutdruck kann eine vorherige Therapie erforderlich machen, die den Blutdruck stabilisiert. Eine Therapie wird immer durch Bereitschaft zu Mitarbeit, Vertrauen, sowie Konzentrationsfähigkeit und Phantasie gefördert.


Was kann ich mit der Heilhypnose erreichen?
Mit dieser Therapie kann auf alle Organe des menschlichen Körpers Einfluss genommen werden. Zum Beispiel können Magen- und Darmtätigkeit, die Herztätigkeit, der Blutdruck, die Drüsenfunktionen, die Muskel- und Nerventätigkeiten, sowie Empfindungen und Gefühlsleben beeinflusst werden. Oftmals ist die Heilhypnose stärker als jedes Medikament.
Auch Schmerzzustände, zum Beispiel bei rheumatischen Erkrankungen, können positiv beeinflusst werden. Der große Vorteil dabei ist, dass keine schädigenden Nebenwirkungen auftreten, wie dies ja leider bei vielen Medikamenten der Fall ist. Die Heilhypnose ist im wahrsten Sinne des Wortes eine "Ganzheitstherapie", die nämlich Leib, Geist und Seele erreicht. Seit ca. 2000 Jahren vor Christi Geburt ist die Heilhypnose als Heilmethode urkundlich belegt. Im 17. Jahrhundert wieder entdeckt von dem Arzt Anton Messmer, später Cuè in Nancy, erlebte diese Therapieform wieder ein Aufleben. Sie blickt inzwischen auf eine fast 4000jährige Geschichte zurück. Sie führt heute unberechtigterweise immer noch ein Schattendasein, weil durch Vorurteile nicht aufgeklärter Menschen immer noch mystische Dinge verbreitet werden und von Generation zu Generation weiter gegeben werden. Da aber gerade in den letzten Jahren eine verstärkte Hinwendung zu natürlichen Heilmethoden besteht, erlebt gerade die Heilhypnose ein großes Comeback. Dieses spiegelt sich auch in den verstärkt angebotenen Kursen in "autogenem Training" wieder, dass ja seine Begründung in der Heilhypnose hat und eine Selbsthypnose darstellt. Es ist bekannt, dass nahezu alle Erkrankungen ihre Wurzeln in seelischen Belastungen haben, ohne dem Menschen bewusst zu sein. Es ist daher wichtig, nicht das Symptom einer Krankheit zu behandeln, sondern stets nach der Ursache zu forschen. Wird die Ursache einer Krankheit aufgedeckt und entsprechend behandelt, verschwindet das Symptom von ganz allein. Durch die Heilhypnose werden die dafür erforderlichen Kräfte geweckt und zum Wohle des Menschen eingesetzt.  Es ist immer ratsam, zumindest einen Therapieversuch zu unternehmen, wenn Medikamente nicht vertragen werden. Dauer einer Heilhypnosebehandlung ist im Schnitt 40 Minuten. Sie sollte 1 - 2 mal wöchentlich durchgeführt werden. Die Gesamtzahl der Sitzungen richtet sich immer nach den persönlichen Gegebenheiten und der Schwere der Erkrankung. Das Behandlungsschema wird immer individuell erstellt, die Abstände der Behandlungen werden dann später immer größer.

Birgt eine Heilhypnose Gefahren in sich? Diese Frage wird oft gestellt. Sie ist aber auch ebenso schnell beantwortet. Bei sachgemäßer Anwendung durch einen geschulten Therapeuten- keine. Warnen kann ich nur vor Laienbehandlern, die sich irgendwo eine Therapie angeeignet haben, aber nicht die nötigen medizinischen Kenntnisse besitzen, diese ordnungsgemäß durchzuführen, das heißt, die nötigen Voruntersuchungen vorzunehmen. Ich möchte aber doch auf einige Bedenken eingehen, die in den meisten Fällen durch falsche Darstellung in Filmen und in der Presse hervorgerufen werden:
a) Da ist die Frage der Charakter Veränderung
Eine Veränderung des Charakters durch Heilhypnose ist nicht möglich, da bei einer Heilhypnosebehandlung nur die Dinge durch den Therapeuten suggeriert werden, die der Patient sich selber wünscht. Charakterfremde Suggestionen würden außerdem nicht ausgeführt. Darin unterscheidet sich die Heilhypnose auch ganz stark von chemischen Arzneimitteln, die tatsächlich Charakter verändernd wirken können.
b) Verrät der Patient in der Hypnose Dinge, die er nicht preisgeben möchte?
Normalerweise brauchen Sie während einer Heilhypnosebehandlung nicht zu sprechen. Sie hören nur dem zu, was Ihnen der Therapeut sagt. Sie können sich auch hinterher an alles erinnern, was Ihnen gesagt wurde. Nur in Ausnahmefällen, wenn es nötig ist, weit zurückliegende Ereignisse zu erkennen, die zu diesem Krankheitsbild geführt haben, ist das Fragestellen in der Therapie erforderlich.
Dies erfolgt aber grundsätzlich in Absprache mit dem Patienten. Ohne Einwilligung des Patienten werden derartige Anamnesen nicht durchgeführt.
c) Ist es möglich, aus einer Heilhypnosebehandlung nicht wieder zu erwachen?
Sie werden grundsätzlich immer wieder erwachen. Wenn zum Beispiel der Therapeut vergessen würde, Sie zu wecken, ginge der hypnoide Zustand automatisch in einen normalen Nachtschlaf über, aus dem Sie immer wieder erwachen.
d) Nebenwirkungen und gesundheitliche Schäden durch Heilhypnose?
Diese Frage kann man mit ruhigem Gewissen mit "nein" beantworten. Im Gegenteil, durch die allgemeine Entspannung und Ruhe im Körper kommt es zu einem ganz natürlichen Heilreiz, das heißt, es werden auch Dinge im Körper positiv beeinflusst, die gar nicht mit der Behandlung angegangen wurden. Nur bei Patienten mit schlechter Konzentration tritt nach der Behandlung eine leichte Müdigkeit auf, die aber bald verschwindet. Das ist, wenn überhaupt, nur bei den ersten Behandlungen der Fall.
e) Kann man in Hypnose die Kontrolle über sich und seinen Körper verlieren?
Auch hier muss ich mit einem "Nein" antworten. Bei der Heilhypnose befinden Sie sich in einem vertieften Ruhezustand, in dem Sie alles um sich herum wahrnehmen können, miterleben und sich auch daran erinnern können. Sie sind nicht bewusstlos!
Warnen kann ich Sie nur vor irgendwelchen "Schauhypnotiseuren". Stellen Sie sich nie für solche dubiosen Versuche zur Verfügung, da unsachgemäße Anwendung Nachwirkungen haben kann.
f) Oftmals wird nach Vereinbarkeit der Heilhypnose mit dem Glauben gefragt.
Auch hier kann man ganz beruhigt sein. Es wird ja nichts anderes suggeriert, als das, was Sie sich wünschen. Durch Ihren Glauben an das Positive unterstützen Sie den Heilerfolg.

 

 

Neurobiologische Grundlagen der Hypnose– neueste Erkenntnisse aus der Hirnforschung

Mit freundlichem Dank an

Prof. Dr. Ulrike Halsband
Neuropsychologie
Institut für Psychologie Neurobiologische Grundlagen der Hypnose– neueste Erkenntnisse aus der Hirnforschung


Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Gliederung

  1. Einleitung: Hirnforschung- von der Phrenologie zu modernen Verfahren der Bildgebung
    .
  2. Lernen von Wortpaarassoziationen im Wachzustand und in Hypnose- PET-Studien und Neuropsychologie (eigene Untersuchungen)
  3. Plastische Veränderungen im Gehirn nach Tranceinduktion: Einblicke in internationale Forschungsergebnisse
  4. Genforschung und Hypnose
  5. Zusammenfassung

1. Einleitung: Hirnforschung- von der Phrenologie zu modernen Verfahren der dynamischen Bildgebung

Historisch betrachtet, stellt die phrenologische Theorie von Franz Josef Gall (1758-1828) und Johann Caspar Spurzheim (1776-1823) die erste umfassende Theorie zur Funktionsweise des Gehirns dar. Die sogenannte Phrenologie war im 19. Jahrhundert eine beliebte Pseudowissenschaft. Gall (1758-1828) & Spurzheim (1776-1823) versuchten die Ausprägung angeborener Fähigkeiten und Neigungen über genau lokalisierbare Hirnpartien an Erhebungen und Vertiefungen der Schädeloberfläche zu erkennen. Die von Gall begründete Lehre ging davon aus, daß man über die Form des Schädels bereits auf die intellektuellen und charakterlichen Eigenschaften eines Menschen schließen könne. Gall unterschied hierbei 27 affektive und intellektuelle Eigenschaften, diese wurden später auf 48 Fähigkeitsbereiche erweitert. Hierzu zählte der Bereich des Intellekts (z.B. Kreativität, Urteilsfähigkeit, Planungsverhalten), energetische Fähigkeiten (Akzeptanz, Selbsteinschätzung, Festigkeit), moralische Fähigkeiten (Verehrung, Geistigkeit, Bewußtsein) und der Bereich der Liebe (Neigung, Liebenswürdigkeit, Verschlossenheit).

Obwohl viele der spekulativen phrenologischen Theorien nicht bestätigt werden konnten, machten Gall und Spurzheim (1810) dennoch eine Reihe wichtiger Entdeckungen:

  1. Der Cortex und seine Gyri bestehen aus aktiven Zellen, die mit Hirnstamm und Rückenmark verbunden sind.
  2. Sie folgerten, daß der Cortex durch seine Projektionen zum Rückenmark das Verhalten bestimmen kann.
  3. Beide Hirnhälften sind durch das Corpus callosum verbunden und können daher miteinander wechselwirken.


Einer der bedeutendsten Pioniere der Neurowissenschaften und Vater der kognitiven Psychobiologie ist Donald Olding Hebb. Er beschrieb 1949 in seinem heute berühmten Buch "Organization of Behaviour" seine Hebb'sche Regel. Demnach ist die per Synapse vorgenommene Verschaltung zwischen den Nervenzellen plastisch und ändert sich proportional zur Aktivität vor und hinter der Nervenzelle. Nervenzellen können auf diese Weise ihre Aktivitäten miteinander korrelieren, um Zusammenschlüsse zu bilden, die Hebb als "cell assemblies" bezeichnet hat. Es handelt sich hierbei um funktionelle neuronale Einheiten, die aufgrund einer gemeinsamen Aktivierung eine verstärkte Verschaltung erfahren haben. Die neuronalen Einheiten sind über gewichtete Verbindungen vernetzt, in Verknüpfungen von Neuronennetzen werden Lernerfahrungen verankert. Nicht ein einzelnes Neuron, sondern ein Ensemble von Neuronen speichert die Erfahrung. Mit dieser Theorie hat Hebb die von der aktuellen Hirnforschung mit modernster Technik gewonnene Vorstellung von den dynamischen neuronalen Netzwerken des Gehirns vorweggenommen.

Ein wesentlicher Durchbruch gelang der modernen Hirnforschung mit der Einführung der Verfahren der dynamischen Bildgebung. Hierzu zählen die PositronenEmissionsTomographie (PET) und die funktionelle Magnet-resonanztomographie (fMRT), die die Darstellung funktionsabhängiger Veränderungen mit einer hohen räumlichen Auflösung ermöglichen. Somit gelang es, .Aktivierungen im Gehirn gewissermaßen „on-line“ zu analysieren. Hierbei misst die PET den regionalen Blutfluß im Gehirn unter Verwendung radioaktiv markierter Substanzen, sog. Positronenstrahler. Im Gegensatz hierzu handelt es sich bei der fMRT um ein nicht-invasives Verfahren, das auf den magnetischen Eigenschaften des Gewebes beruht. Von essentieller Bedeutung ist hierbei das BOLD-Verfahren (Blood Oxygenation Level Dependent), das auf den unterschiedlichen elektromagnetischen Eigenschaften des mit Sauerstoff beladenen Hämoglobins basiert und Veränderungen des Blutes im Gehirngewebe misst, die durch erhöhte Neuronenaktivität ausgelöst werden. Logothetis et al. (2001) gelang es nachzuweisen, daß mit BOLD-fMRT tatsächlich Veränderungen der Neuronenaktivität gemessen und vor allem Eingangssignale aus anderen Hirnarealen und ihre lokale Verarbeitung erfasst werden und weniger die Ausgangssignale zu anderen Hirnarealen. Untersuchungen der neuronalen Grundlagen deklarativen Lernens mittels funktioneller Bildgebung ergaben eine weitgehende Übereinstimmung der PET und fMRT Befunde (Halsband et al., 2002a; Krause et al., 1999a,b; Mottaghi et al., 1999, 2000; Schmidt et al., 2002).

Mittels moderner bildgebender Verfahren der Hirnforschung gelang es nachzuweisen, daß eine hypnotische Trance-Induktion zu plastischen Veränderungen im menschlichen Gehirn führt (z.B. Crawford et al., 1998; Faymonville et al.,. 2000; Grond et al., 1995; Kosslyn M, et al. 2000; Maquet et al., 1999 ; Rainville et al., 1997, 1999; 2002; Szechtman et al., 1998). Hypnotische Tranceinduktion stellt somit ein neurobiologisch erfassbares Korrelat der Hirnfunktion in einem veränderten Bewußtseinszustand dar (Rainville et al., 2002).


2. Lernen von Wortpaarassoziationen im Wachzustand und in Hypnose- PET-Studien und Neuropsychologie (eigene Untersuchungen)

In den letzten Jahren haben wir in einer Reihe von Untersuchungen die bildgebenden Verfahren der PET und der fMRT eingesetzt mit dem Ziel, die bei der Enkodierung und dem Abruf von Wortpaarassoziationen involvierten neuronalen Mechanismen zu differenzieren. Es konnte eine Beteiligung des bilateralen präfrontalen Cortex (mit stärkerer linksseitiger Aktivierung) und des anterioren cingulären Cortex während der Enkodierung episodischen Materials nachgewiesen werden. Beim Abruf der Inhalte zeigte sich eine bilaterale präfrontale Aktivierung (mit stärkerer rechtsseitiger Ausprägung), eine bilaterale Aktivierung im anterioren cingulären Cortex, sowie zusätzlich eine Aktivierung im medialen parietalen Cortex (Präcuneus) nachgewiesen werden (z.B. Halsband et al., 1998; Halsband et al., 2002; Krause et al., 1999a,b; Mottaghy et al., 1999a,b Schmidt et al., 2002). Desweiteren konnten wir zeigen, daß die Aktivierung des Precuneus während des Abrufs episodischen Materials unabhängig von der Präsentationsmodalität (visuell vs auditiv), dem Vorstellungsinhalt des präsentierten Materials (hohe vs niedrige Bildhaftigkeit) und der Verarbeitung in der Mutter-oder einer gut erlernten Fremdsprache ist (Halsband et al., 2002, Krause et al., 1999a; Schmidt et al., 2002).

In jüngster Zeit gelang es uns mittels PET die neuronalen Mechanismen beim Wortpaarassoziationslernen unter Hypnose und im Wachzustand zu untersuchen (Halsband & Laihinen, in Vorbereitung). Untersucht wurden sechs rechtshändige, hochsuggestible Normalprobanden (Stanford Hypnotic Susceptibility Scale). In der Lernphase (Enkodierung) wurde den Probanden auf einem Bildschirm eine Liste von 12 Wortpaaren mit hoher Bildhaftigkeit präsentiert (Beispiele: Affe-Kerze, Sonne-Vogel), die sie innerlich nachsprechen und lernen sollten. Das Lernverhalten wurde in Trance und im Wachzustand untersucht. In der Abrufphase (Wachzustand) wurde in randomisierter Reihenfolge nur jeweils das erste Item der Wortpaare präsentiert, und die Probanden sollten das zweite Wort aus dem Gedächtnis assoziieren. In der Enkodierungsphase waren in beiden Versuchsbedingungen bilaterale Aktivierungen im präfrontalen Cortex (Brodmann Areale 9/45/46) und im anterioren cingulären Cortex nachweisbar. Unterschiede der Aktivierungen fanden sich in einer zusätzlichen occipitalen und verstärkten präfrontalen Aktivierung unter Hypnose. In der Abrufphase (Wachzustand) zeigten sich bilaterale präfrontale und anteriore cinguläre Aktivierungen, sowie Aktivierungen im medialen parietalen Cortex (Brodmann Areal 7, Precuneus) und Cerebellum (Halsband, 2004; Halsband & Laihinen, in Vorbereitung). Beim Abruf der Inhalte, die zuvor unter Hypnose erlernt wurden, waren stärkere Ausprägungen der Aktivierungen im präfrontalen Cortex und Cerebellum, sowie zusätzliche Aktivierungen im Sehzentrum nachweisbar (Abbildung 1). Eine nach der Studie erfolgte Befragung der Probanden nach der Lernstrategie ergab, dass unter Hypnose alle Versuchspersonen die Wortpaare in Form von Bildern gelernt hatten (Halsband, 2004; Halsband & Laihinen, in Vorbereitung).

Auf behavioraler Ebene konnten wir zeigen, daß sich unter Hypnose der Abruf von abstrakten Wortpaaren (Moral-Buße) verschlechterte, wobei sich hingegen die Reproduktionsleistung bei Wortpaaren mit hoher Bildhaftigkeit (Affe-Kerze) verbesserte (Halsband, 2001) (Abbildung 2). Die Ergebnisse sind im Einklang mit der Studie von Crawford & Allen (1996). Die Autoren berichteten bei Personen mit hoher hypnotischer Suggestibilität über einen verbesserten Abruf von bildhaften Wortpaarassoziationen.

Die Annahme, daß Hypnose zu einer Erhöhung der bildhaften Repräsentation führt, wurde in einer weiteren Studie von Bongartz (1985) belegt. Die Ergebnisse zeigten bei hochsuggestiblen Personen nach einer Altersregression eine höhere Fehlerleistung beim Wiedererkennen semantisch ähnlicher Wörter (Ofen und Herd) als im Wachzustand, hingegen zeigten dieselben Versuchspersonen eine verbesserte Leistung beim Wiedererkennen akustisch ähnlicher Wortpaare (Bäcker-Wecker). Die Autoren unterstrichen damit die Hypothese, daß Hypnose eine eher bildhafte Repräsentation verlangt. Dieses führt bei Hochsuggestiblen zu einer besseren Diskrimination zwischen dem zuvor dargestellten Wort, welches das kodierte Bild beschreibt, und einem akustisch ähnlichen Distraktor. Hingegen zeigte sich der gegenteilige Effekt bei der Verwendung semantisch naheliegender, wobei die Ähnlichkeit der semantischen Bilder, die beim Abruf assoziiert wurden, zu einer schlechteren Abrufleistung führte. Die verschlechterten Leistungen könnten darauf zurückzuführen sein, daß in der hypnotischen Altersregression eine Interferenz bei bildhaft ähnlichen Präsentationen entstanden ist. Diese Interferenz könnte möglicherweise durch die assoziative Nähe entstanden sein, in der eine Art Überdeckungs-Effekt des schon Gewussten mit dem Neupräsentierten entstanden ist.

3. Plastische Veränderungen im Gehirn nach Tranceinduktion. Einblicke in internationale Forschungsergebnisse


In der Tranceinduktion erfolgt mittels Fokussierung der Aufmerksamkeit gewissermaßen eine Hinlenkung der Aufmerksamkeit nach innen, was dann auch zumeist eine intensive Vorstellung und Beschreibung eines inneren Bildes nach sich zieht. Auf der Ebene des veränderten Bewusstseinszustandes schließt sich dann eine Ausweitung der Aufmerksamkeit auf möglichst viele Aspekte des Erlebens an, so daß der geschaffene Erlebnisraum „farbig und erlebbar, zu einer Form der Wirklichkeit wird“ (Revenstorf, 1996). Dem Aspekt des farbigen Erlebens scheint hierbei eine besondere Bedeutung zuteil zu werden. Diese Interpretation wird unterstützt durch neueste Ergebnisse aus der Hirnforschung, die zeigten, daß ein intensiveres Farberleben unter Hypnose zu plastischen Veränderungen in der Hirnaktivität führt, charakterisiert durch zusätzliche linksseitige Aktivierungen im Fusiform (Brodmann‘sches Gebiet 19) und inferioren temporalen Cortex (Gebiet 20). Interessanterweise waren die linksseitigen Aktivierungen nur unter Hypnose (sowohl bei der realen Präsentation eines Farbstimulus als auch unter Suggestion) evident und im normalen Wachzustand der Probanden nicht registrierbar (Kosslyn et al., 2000). Eine vermehrte Einbindung sensorischer Parameter sollte sich somit durchaus positiv auf die Bewältigung von Lernprozessen unter Hypnose auswirken. Spezifische neurophysiologische Veränderungen unter Hypnose konnten nicht nur im visuellen Bereich, sondern auch in anderen Sinnesmodalitäten nachgewiesen werden (z.B. Szechtman et al. 1998, Walter et. al., 1990). Die Ergebnisse sprechen somit für eine vermehrte Nutzbarmachung multimodaler sensorischer Verarbeitungsstrategien unter Hypnose.

Rainville et al. (1999) untersuchten hochsuggestible rechtshändige Versuchspersonen mittels PET. Zum Nachweis der Effekte, die mit dem Trancezustand in Verbindung stehen, wurde die Substraktionsmethode genutzt, d.h. der regionale cerebrale Blutfluß unter Hypnose wurde mit dem Blutfluß im Wachzustand kontrastiert. Unter Hypnose fanden sich signifikante Aktivierungsanstiege beidseits im Occipital-Lappen; diese Ergebnisse unterstützen somit die Annahme, daß die erhöhten Aktivierungen im Sehzentrum unter Hypnose als Korrelat der vermehrten Einbeziehung visueller Vorstellungen zu interpretieren sind. Desweiteren fanden sich unter Hypnose vermehrte Aktivierungen im frontalen Cortex , in den inferioren frontalen Gyri. und im rechten anterioren cingulären Cortex. Zusätzlich fanden sich Aktivierungen im rechten anterioren superioren Temporalgyrus und der linken Insula.

In jüngster Zeit (Rainville et al., 2002) konnten die Autoren ihre PET-Befunde von 1999 bestätigen und erweitern. In der Studie von Rainville et al. (2002) sollten die Probanden unmittelbar nach dem Scannen ihre mentale Relaxation und mentale Absorption als Index für eine erfolgreiche hypnotische Trance bewerten .Unter Hypnose gaben alle Versuchspersonen einen erhöhten Grad an Relaxation und Absorption an. Als nächstes wurde versucht, eine Korrelation zwischen den Hirnaktivierungen und den subjektiv empfundenen Relaxations- und Absortionseffekten aufzustellen.

Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Relaxations-bezogene Aktivierungseffekte: Positive Korrelationen zeigten sich bilateral frontal und rechts occipital im oberen occipitalen Gyrus. Im Gegensatz hierzu ergaben sich negative Korrelationen im rechten posterioren Parietal-Lappen, bilateral in den mittleren und inferioren temporalen, sowie im rechten somato-sensorischen Cortex und der Insula.
  2. Absorptions-bezogene Aktivierungseffekte: Positive Korrelationen waren im rechten inferioren parietalen Cortex, im Thalamus und anterioren cingulären Cortex, bilateral präfrontal und im linken Nucleus lentiformis nachweisbar. Hingegen zeigten sich negative Korrelationen im linken inferioren parietalen Cortex und Precuneus, sowie beidseitig im occipitalen Cortex. 


Die interessante Dichotomie einer beidseitigen occipitalen Aktivierung in derRelaxations-bezogenen Versuchsanordnung und einer beidseitigen Deaktivierung in der Absorptions-bezogenen Bedingung lässt vermuten, daß es sich hierbei tatsächlich um zwei unterschiedliche Hirnmechanismen handelt. Es ist somit der Grad der subjektiv empfundenen Entspannung, der entscheiden zu sein scheint für die Ausgeprägtheit der occipitalen Aktivierungen.

Unter Hypnose ist es von Vorteil, daß beim Lernvorgang irrelevante oder störende Wahrnehmungen ausgeblendet werden (Dissoziation) können, wie Schmerz, emotionale Komponenten, oder interferierende visuelle und akustische Reize (Erickson, 1939/1995; Revenstorf & Peter, 2001; Spiegel & Vermutten, 1994). Neurobiologisch wurde als Erklärungsmodell der Dissoziation vor allem die Relevanz frontaler Exekutivfunktionen hervorgehoben (Woody & Parvolden, 1998), wobei jedoch die Funktion des frontalen Cortex in einem komplexen neuronalen Netzwerk zu interpretieren ist (Kallio et al., 2001).

Maquet et al. (1999) berichteten vor allem über linkshemisphärische Veränderungen unter Hypnose im parietalen, präzentralen, prämotorischen und ventrolateral-präfrontalen Bereich, über einen beidseitigen Anstieg (links stärker ausgeprägt als rechts) im occipitalen Cortex, sowie über signifikante rechtshemisphärische Erhöhungen im anterioren Cingulum.

Interessanterweise ergeben sich aus neurobiologischer Perspektive Überlappungen mit neuronalen Schaltkreisen, denen eine bedeutende Funktion zuteil wird

a) im Aufmerksamkeitssystem,
b) in der impliziten Informationsverarbeitung.

Corticale und subcorticale Netzwerke, denen eine essentielle Funktion in der Aufmerksamkeit zuteil wird, wurden schwerpunktmäßig unterteilt in Alertness, orientierende, und exekutive, Funktionen. Neuronale Schaltkreise, die bei der Aufrechterhaltung der Daueraufmerksamkeit (z.B. bei der Bewältigung klassischer Vigilanzaufgaben) involviert sind, zeigten rechtsseitige Aktivierungen im ventrolateralen und dorsalen frontalen Cortex, sowie in Regionen des parietalen Cortex. Als bedeutende Strukturen des orientierenden Aufmerksamkeitssystems seien die frontale Augenregion, Pulvinar, Colliculus superior, temporo-parietale Grenzregion und der obere Parietal-Lappen zu nennen. Im Bereich der exekutiven Funktionen wurde den anterioren cingulären Strukturen eine bedeutende Funktion zugeschrieben (Raz, et al., 2002, in press).

Desweiteren konnte gezeigt werden, daß in Hypnose neuronale Schaltkreise aktiviert werden, von denen bekannt ist, daß sie eine wichtige Funktion im impliziten Lernen einnehmen (z.B. Maquet et al., 1999; Rainville et al., 1999, 2002). Die Nutzung impliziten Wissens und eine Anregung zu impliziter Informationsverarbeitung nehmen eine Schlüsselfunktion in der hypnotherapeutischen Intervention ein. Bei der Anwendung der implizit erlernten Fähigkeiten wird ein Teil der Wahrnehmung von den eigenen Handlungen abgespalten und sowohl unbewusst registriert als auch durchgeführt. Hypnose scheint einen direkten Einfluß auf unterschiedliche Aspekte des impliziten Gedächtnisses auszuüben, das neben motorischen Fertigkeiten und Skills auch (1) Priming-Aufgaben, (2) einfache Assoziationen, die auf den Prinzipien des Konditionierens beruhen, sowie (3) nicht-assoziatives Lernen umfasst. (1) Mit Priming wird die verbesserte Fähigkeit zur Verarbeitung, Wahrnehmung oder Identifikation eines Reizes bezeichnet, wobei die Informationsverarbeitung durch die kurz vorher erfolgte Präsentation des gleichen oder eines ähnlichen Reizes vorbereitet wird. Durch Priming (o.a. auch Bahnung) wird somit die Geschwindigkeit und Effizienz der Verarbeitung erhöht. (2) Die Prinzipien der Konditionierung beziehen sich im allgemeinen auf spezifische Reaktionen des Organismus auf einen bestimmten Reiz. Hierbei erfolgt die Bildung neuronaler Verknüpfungen (Assoziationen) zwischen einem zunächst neutralen Reiz und einem zeitlich nachfolgenden spezifischen Stimulus, der als Auslöser einer bestimmten Reaktion des Organismus fungiert. Nach Kopplung beider Reize in der Konditionierungsphase erfolgt anschließend bereits auf den formals neutralen (nun konditionierten) Reiz die bestimmte Reaktion auch ohne Vorliegen des spezifischen Reizes, da dessen Auftreten durch die Verknüpfung mit dem konditionierten Reiz erwartet wird. 3) Nicht-assoziatives Lernen betrifft u.a. Habituation und Sensitivierung von Reizen. Habituation gilt als einfachste Form des Lernens und bewirkt, daß auf häufig auftretende Reize, die weder positive noch negative Auswirkungen für den Organismus haben, keine Reaktionen mehr erfolgen (Optimierungsprinzip). Bei der Sensitivierung hingegen werden aufgrund einer intensiven Reizerfahrung zukünftige Reizantworten auf nachfolgende, mitunter auch unterschwellige Reize verstärkt. Während jedoch die Habituation ausschließlich reizspezifisch erfolgt, ist die Reiz-Antwort-Spezifität bei der Sensitivierung gering, so daß die Reaktion auf unterschiedlichste Reize erhöht ist (Halsband et al., 2003).


4. Genforschung und Hypnose

Jüngste Befunde deuten auf eine Rolle in der Variabilität von Neurotransmittern und interindividuellen Unterschieden in der Hypnotisierbarkeit hin (Raz & Shapiro, 2002; Raz et al., im Druck). Eine Schlüsselrolle scheint hierbei der neuronale Botenstoff Dopamin zu spielen. Dopamin wird von dem Enzym Tyrosin-Hydroxylase aus der Aminosäure Tyrosin aufgebaut. Nach der Freisetzung in den synaptischen Spalt bindet Dopamin entweder präsynaptisch an Autorezeptoren und reguliert die Freisetzung und Synthese von Dopamin, oder es bindet an postsynaptische Rezeptoren. Die dopaminerge Transmitterwirkung wird beendet durch aktiven Dopamin-Rücktransport über den Dopamin-Transporter (DAT) oder durch enzymatischen Abbau zu (primär) Homovanillinsäure (HVA) durch Catechol-O-Methyltransferase (COMT) und Monoamin-Oxidase der B-Form (MAOB).

Vor diesem Hintergrund und der aufwendigen Entwicklung des “Human Genome Projektes” wurde in den vergangenen Jahren versucht, genetisch bedingte Variationen in der dopaminergen Neurotransmission mit interindividuellen Unterschieden auf der Hypnotisierbarkeitsskala (Stanford Hypnotic Susceptibility Scale) in Beziehung zu setzen. Besondere Bedeutung wurde hierbei dem COMT-Gen (Catechol-O-Methyltransferase) zugeschrieben. Das COMT-Gen weist einen funktionellen Polymorphismus auf. Als genetischer Polymorphismus wird hierbei die durch die Allele eines Gens bedingte Vielgestaltigkeit bezeichnet. Innerhalb einer Population treten verschiedne Allele eines Gens auf, wodurch der Phänotyp des von diesem Gen beeinflussten Merkmals unterschiedlich ausfallen kann. Bei dem COMT-Gen Polymorphismus handelt es sich neurochemisch um einen Basenaustausch, der zu einer Substitution der Aminosäuren Valin durch Methionin führt und die Aktivität des Enzyms beeinflußt.

Das COMT Gen lässt sich durch ein einzelnes Valin oder Methionin der Aminosäure wie folgt unterscheiden
Genotyp Häufigkeit Reakt. Schmerz
Methionin/Methionin 20-35% stark
Valin/Valin 20-30% gering
Valin/Methionin 45-60% mittel

Die Ergebnisse zeigten, daß Probanden mit dem Genotyp Valin/Methionin höhere Werte auf der Hypnotisierbarkeitsskala (Stanford Hypnotic Susceptibility Scale) aufwiesen als Probanden des Typus Valin/Valin und Methionin/Methionin (Raz & Shapiro, 2002; Raz et al., im Druck). In zukünftigen Untersuchungen gilt es zu klären, ob es tatsächlich gelingen wird, einen kausalen Zusammenhang gentechnischer, biochemischer und individuell ausgeprägter Suskeptibilitätsfaktoren zu bestätigen.


5. Zusammenfassung


Mit dem Befund, daß eine hypnotische Trance-Induktion zu plastischen Veränderungen im menschlichen Gehirn führt, gelang ein wesentlicher Durchbruch in der Erforschung der neuronalen Grundlagen der Hypnose. Die Ergebnisse basieren auf Untersuchungen mittels moderner Verfahren der dynamischen Bildgebung, wie der PositronenEmissionsTomographie (PET) und der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT).

Wir untersuchten mittels PET bei hochsuggestiblen Normalprobanden die neuronalen Mechanismen beim Wortpaarassoziationslernen (hohe Bildhaftigkeit) unter Hypnose und im Wachzustand. In der Enkodierungsphase waren in beiden Versuchsbedingungen bilaterale Aktivierungen im präfrontalen Cortex (Brodmann Areale 9/45/46) und im anterioren cingulären Cortex nachweisbar; unter Hypnose zeigten sich zusätzlich occipitale und verstärkte präfrontale Aktivierungen. In der Abrufphase (Wachzustand) waren in der vorangegangenen Lernbedingung unter Trance erhöhte Neuronenaktivitäten im präfrontalen Cortex, Cerebellum und zusätzliche Aktivierungen im Sehzentrum nachweisbar. Auf behavioraler Ebene konnten wir zeigen, daß sich unter Hypnose der Abruf von abstrakten Wortpaaren (Moral-Buße) verschlechterte, wobei sich die Reproduktionsleistung bei Wortpaaren mit hoher Bildhaftigkeit (Affe-Kerze) verbesserte. Die Ergebnisse sprechen für eine verbesserte Umsetzung bildhafter Repräsentationen in Hypnose.

Tranceinduktion führt zu einem intensiveren Farberleben; die PET-Ergebnisse zeigten eine erhöhte neuronale Aktivität im Sehzentrum und korrelieren mit dem Grad der subjektiv empfundenen Entspannung. Interessanterweise ergaben sich aus neurobiologischer Perspektive Überlappungen mit neuronalen Schaltkreisen, denen eine bedeutende Funktion zuteil wird i) im Aufmerksamkeitssystem, ii) in der impliziten Informationsverarbeitung. Erste Ergebnisse aus der Genforschung lassen erblich bedingte Variationen in der individuellen Ausprägung der Hypnotisierbarkeit vermuten.

Referenzen:

Crawford HJ & Allen SN (1996) Paired-associate learning and recall of high and low imagery words: moderating effects of hypnosis, hypnotic susceptibility level, and visualization abilities. American Journal of Psychology, 109(3):353-72

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Als junger Forschungszweig liefert die Psychoneuroimmunologie immer mehr Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen Psyche und Immunsystem - Psychoneuroimmunologie.
 
Dass bei Aufregung und Angst das Herz zu rasen beginnt, chronischer Stress zu erhöhtem Blutdruck führt, dass andererseits regelmäßiges Meditieren zu Veränderungen der Hirnstrukturen führt - das sind nur einige Beispiele die zeigen, dass geistig-seelische Fähigkeiten und Reaktionsweisen auch Auswirkungen auf den Körper und seine Organfunktionen haben.

Aus dieser Erkenntnis ist die sogenannte Psychosomatik hervorgegangen (Psyche für Atem, Hauch und Seele; Soma für Körper, Leib und Leben). Mit der Psychoneuroimmunologie ist zu beginn der 1980er Jahre eine neue Ära der Psychosomatik angebrochen. Der Begriff geht auf den amerikanischen Psychiater und Psychologen Robert Ader zurück, der 1981 unter dem Titel "Psychoneuroimmunologie" einen Sammelband zum damaligen Stand des evidence-basierten Wissens über die Zusammenhänge zwischen Nervensystem, Hormon- und Immunsystem herausgab. Seither wurde das Wissen über die Interaktionen dieser komplexen Systeme durch eine Vielzahl von Forschungsarbeiten erweitert.
Stress beeinträchtigt das Immunsystem
In einer erst kürzlich veröffentlichten Meta-Analyse, das heißt in einer mit quantitativen, statistischen Mitteln erarbeiteten Zusammenfassung von mehr als 180 Primär-Untersuchungen, wurde nach Christian Schubert, dem Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie der Innsbrucker Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie, eindeutig belegt, dass einige Faktoren des Immunsystems unter unterschiedlichsten Stressarten beeinträchtigt sind.

So sinkt etwa die Fähigkeit von bestimmten Immunzellen, sich auf einen Wachstumsreiz hin zu teilen und zu vermehren. Das ist insofern fatal, als für eine gut funktionierende Krankheitsabwehr und Krankheitsbekämpfung nicht nur die Funktion dieser Immunzellen gewährleistet, sondern darüber hinaus auch eine bestimmte Anzahl dieser Zellen vorhanden sein muss. Im Bedarfsfalle - etwa im Kontakt mit einem Krankheitserreger - ist es nötig, dass sich die Zellzahl erhöht. Stress und psychische Belastung können aber nicht nur die Fähigkeit zur Zellteilung hemmen, sie können unter anderem auch die für die Tumorbekämpfung wichtigen Natürlichen Killerzellen in ihrer Aktivität hemmen.
Ein komplexes Miteinander
Heute sei eindeutig belegt - so der Wiener Neuroimmunologe Hans Lassmann -, dass sich die Botenstoffe des Immun- und des Nervensystems gegenseitig beeinflussen, dass Botenstoffe des Immunsystems etwa die Funktion von Neurotransmittern übernehmen können. Andererseits können Botenstoffe des Nervensystems mit den Lymphozyten, bestimmten weißen Blutkörperchen interagieren und deren Funktion verändern.

So heilen Wunden unter Stress, unter vermehrter Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin schlechter und es können, um ein weiteres Beispiel herauszugreifen, latente Virusinfektionen, die im Körper sozusagen "friedlich" schlummern, unter Stress reaktiviert werden und eine Erkrankung auslösen. Das sei nach Christian Wiedermann vom Krankenhaus Bozen experimentell und in klinischen Beobachtungsstudien eindeutig gezeigt worden. Unter Stress oder psychischer Belastung werden aber auch vermehrt Entzündungsvermittelnde Substanzen gebildet und die Folge können überschießende Entzündungsreaktionen sein.

Denken beeinflusst Aktivierung der Gene
Und last but not least gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass unser Denken und Fühlen auch die Epigentik, die Aktivierung und Inaktivierung der Gene beeinflusst und somit einen größeren Einfluss auf die Entstehung von Krankheit oder Erhaltung von Gesundheit hat als lange angenommen.
Text: Eveline Schütz

 

Psychosomatik

Einleitung

Bei einem Viertel aller Patienten werden keine oder keine ausreichenden organischen Ursachen gefunden – trotz modernster Hightech-Medizin und ausführlichster Untersuchungen. Viele Betroffene können die Diagnose „ohne Befund“ (o.B.) einfach nicht glauben und entwickeln einen regelrechten „Ärzte-Tourismus“, der in der Fachsprache „Doctor-Shopping“ genannt wird. Diese Menschen sind oft tief verzweifelt, fühlen sich von den Ärzten nicht verstanden oder gar als Simulanten abgestempelt. Bei zahlreichen anderen Patienten wurzeln die körperlichen Beschwerden sehr wohl in organischen Ursachen; zudem wirken aber auch psychische und soziale Faktoren und beeinflussen die Krankheitsentwicklung sehr ungünstig.

In beiden Fällen besteht ein enges Zusammenspiel von körperlichen und psychischen Faktoren. Ein Denken in Körper-Seele-Zusammenhängen ist in der Medizin sowohl angesichts des großen individuellen Leidensdrucks als auch hinsichtlich der hohen volkswirtschaftlichen Kosten psychosomatischer Leidenszustände unbedingt erforderlich.

Immer mehr Menschen suchen nach einer ganzheitlichen Erklärung und Behandlung ihrer Beschwerden und wünschen sich sehnlich eine Medizin, die auch die seelischen Aspekte stärker berücksichtigt. Dies zeigt sich auch in der Nachfrage nach entsprechender Literatur. Der Markt wird von einer umfangreichen Populärliteratur dominiert, die als Mischung aus Esoterik, positivem Denken und Psychologismus bezeichnet werden kann und das Psychosomatik-Verständnis des deutschen Durchschnittslesers stark geprägt hat. Angesichts der in der klinischen Alltagspraxis leider oft noch immer dominierenden „Medizin ohne Seele“ entsprechen diese Bücher zwar dem Bedürfnis vieler Menschen nach einer humanen Medizin, sie vermitteln jedoch eine andere extreme Betrachtungsweise, nämlich eine „Seele ohne Körper“.

Diese Darstellung positioniert sich ganz bewusst „in der Mitte“ und möchte eine umfassendere, komplexere Sichtweise psychosomatischer Störungen vermitteln: auf der Basis eines biopsychosozialen Krankheitsverständnisses, das körperliche Störungen als komplexes Geschehen mit psychischen, psychosozialen und biologischen Komponenten versteht.

 Ziel ist eine im besten Sinne populäre, leicht verständliche und gleichzeitig seriöse Darstellung der Psychosomatik. Im Mittelpunkt stehen die körperlichen Störungen ohne organische Ursachen (somatoforme und dissoziative Störungen) und die körperlichen Störungen mit psychologischen Faktoren und Verhaltenseinflüssen (psychosomatische Störungen im engeren Sinne).

 Das Buch richtet sich an alle Betroffenen, deren Angehörige, aber auch an Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten und die ganze interessierte Öffentlichkeit. Vor allem jedoch soll es Menschen mit psychosomatischen Störungen eine Hilfestellung beim ersten Schritt zur Heilung bieten, nämlich sich selbst besser zu verstehen.

 

Grundlagen der Psychosomatik

„ Willst du den Körper heilen, musst du zuerst die Seele heilen.“ Platon

Das Wort „Psychosomatik“ ist zusammengesetzt aus den zwei griechischen Worten psyche = Seele und soma = Körper und bezeichnet das Wechselspiel zwischen körperlichen und seelischen Vorgängen. Eine psychosomatische Reaktionsweise ist durchaus eine gesunde Form des Erlebens, denn jedes Gefühl führt zu körperlichen Reaktionen und jede körperliche Reaktion löst bestimmte Gefühle aus.

 Mit den Bezeichnungen „psychosomatische Krankheiten“ und „Psychosomatosen“ ist dagegen eine pathologische Form von Körper-Seele-Beziehung gemeint, nämlich das Zusammenwirken körperlicher und psychischer Faktoren für Entstehung und Verlauf von Krankheiten. Psychosomatik bedeutet nicht, den körperlichen Faktoren weniger, sondern den seelischen Faktoren mehr Bedeutung zu geben!

 Es ist eine alte Volksweisheit, dass Emotionen den Körper stark beeinflussen können. Der enge Körper-Seele-Zusammenhang spiegelt sich auch in der Sprache wider: „Das Herz schlägt mir bis zum Hals“, „Da bleibt mir die Luft weg“, „Mein Hals ist wie zugeschnürt“, „Ich habe eine Wut im Bauch“ sind nur einige Beispiele dafür.

 Im Wort Emotion steckt das lateinische Wort motio, das „Bewegung“ bedeutet. Gefühle bewegen uns nicht nur innerlich, sondern aktivieren auch unseren Körper und versetzen ihn in Anspannung. Ein Beispiel: Angst. Das Wort „Angst“ geht zurück auf das lateinische Wort angustiae, das Enge oder Beklemmung bedeutet. Schon unsere Vorfahren verstanden Angst als eine körperliche Reaktion, die die Kehle zuschnürt, das Herz bedrängt und die Brust so einschnürt, dass die Luft wegbleibt.

 Bereits der altgriechische Arzt Hippokrates glaubte, dass Gefühle ein Organ beherrschen könnten: Bei Ärger kontrahiere sich das Herz und bei Freude erweitere es sich. Spekulationen über Körper-Seele-Zusammenhänge und dem damaligen Wissen entsprechende Behandlungsüberlegungen wurden bereits in der Antike angestellt.

 Der griechische Philosoph Platon lässt Sokrates im Dialog zu einem jungen Mann mit Kopfschmerzen sagen: „Wenn es den Augen wieder gut gehen solle, muss der ganze Kopf und wenn es dem Kopf wieder gut gehen solle, muss der ganze Leib und wenn es dem gesamten Menschen wieder gut gehen solle, so muss auch die Seele behandelt werden.“ Durch bestimmte Heilsprüche im Sinne „guter Reden“ sollten seelische Ausgeglichenheit und Harmonie erreicht werden.

 In der Medizin der griechischen Antike wurden körperliche und psychische Faktoren gleichermaßen berücksichtigt, im Mittelalter dagegen vertrat die Kirche die strikte Trennung von Leib und Seele, und im 17. Jahrhundert begründete der französische Philosoph René Descartes jenen wissenschaftlichen Dualismus von Leib und Seele, dessen unheilvolle Auswirkungen bis in die jüngste Vergangenheit festzustellen sind. Er löste zwar die Wissenschaft aus ihrer unglücklichen theologischen Umarmung und ermöglichte dadurch die wissenschaftliche Erforschung des Menschen, er förderte damit jedoch in der Medizin ein rein reduktionistisches und mechanistisches Verständnis des Menschen als Körper ohne Seele.

 Im 19. Jahrhundert setzte sich diese einseitige Betonung körperlicher Faktoren fort – auch eine Folge der großen Fortschritte in der Medizin. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand eine Gegenbewegung, ausgelöst durch die aufkommende Psychoanalyse. Die moderne Psychosomatik wurzelt in den Arbeiten von Sigmund Freud und seinen Schülern, durch die eindrucksvoll die Bedeutung der Psyche für die Entwicklung körperlicher Störungen aufgezeigt wurde. Mit dem Modell der Konversion sollte dargelegt werden, wie psychische Konflikte in körperliche Symptome „konvertiert“ werden können. Davon abgesehen hat Freud jedoch keine speziellen Theorien und Behandlungskonzepte zur Psychosomatik entwickelt.

 Die historisch bedeutsamste psychoanalytische Konzeption psychosomatischer Störungen stammt von dem nach Chicago emigrierten deutschen Internisten und Psychoanalytiker Franz Alexander, der 1950 sein epochales Werk Psychosomatische Medizin veröffentlichte. Er beschreibt darin die so genannten „heiligen sieben“ psychosomatischen Erkrankungen mit einer angeblich krankheitsspezifischen Psychodynamik: peptisches Geschwür (Ulcus pepticum), Asthma bronchiale, Bluthochdruck (Hypertonie), rheumatoide Arthritis, Migräne, Colitis ulcerosa, Neurodermitis.

 Schon Alexander hielt interessanterweise den Begriff der psychosomatischen Krankheit als spezifische diagnostische Einheit für wertlos und verstand die Psychosomatik als Methode des Vorgehens; er förderte jedoch durch seine Arbeit die Entwicklung der Psychosomatik als eigenständige Disziplin in der Medizin. Seine Theorie in aller Kürze: Bestimmte körperliche Störungen entstehen durch einen spezifischen, weitgehend unbewussten psychischen Konflikt, der in einem Widerspruch zwischen zwei Bedürfnissen oder einem Bedürfnis und einem Verbot besteht. So kann etwa der Wunsch nach Abhängigkeit, Anlehnung und Umsorgtsein im Widerspruch stehen zum gleichzeitigen Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit. Dem Bedürfnis wird niemals nachgegeben, sodass aus der blockierten Bedürfnishandlung und der nicht abgeführten emotionalen Spannung eine chronische vegetative Fehlsteuerung resultiert. Wenn aggressive Impulse nicht ausgelebt werden, kommt es durch die Daueraktivierung des sympathischen Nervensystems zuerst etwa zu einer anhaltenden Blutdrucksteigerung und später zur Hypertonie. Es kann daraus aber auch – je nach Veranlagung – eine Migräne oder rheumatoide Arthritis entstehen. Wenn dagegen passiv-regressive Wünsche nach Umsorgt- und Behütet-Werden blockiert werden, kann die damit verbundene längere parasympathische Überaktivierung zu Störungen wie Zwölffingerdarmgeschwür, Colitis ulcerosa oder Asthma führen.

 Dieser als Spezifitätstheorie bezeichnete Ansatz von Alexander, wonach bestimmte Krankheiten durch krankheitsspezifische Konflikte entstehen (wenngleich nur in Zusammenhang mit einer bestimmten biologischen Veranlagung), ist heute als überholt anzusehen und konnte durch die Forschung nicht bestätigt werden. Die Auffassung, Patienten mit denselben körperlichen Symptomen seien auch in seelischer Hinsicht gleich, ist ein Mythos. Eine bestimmte psychosomatische Störung wird eben nicht durch störungsspezifische Konflikte, sondern durch völlig unterschiedliche psychische und psychosoziale Faktoren (oft über ein geschwächtes Immunsystem) ausgelöst, aufrechterhalten oder verschlimmert.

 In ähnlicher Weise haben auch psychosomatische Konzepte auf der Basis bestimmter Persönlichkeitstypen Schiffbruch erlitten. Es gibt keine bestimmte Persönlichkeit des Migränekranken, Magenkranken, Krebskranken o.ä., wenngleich diese Konzepte noch immer nicht ganz ausgerottet sind und sich gerade in der Populärliteratur und in der unreflektierten klinischen Praxis nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen. Ebenso wenig ist das beliebte psychoanalytische Erklärungsmodell einer gestörten Mutter-Kind-Beziehung bei Patienten mit einer psychosomatischen Störung haltbar, das eine ungebührliche Schuldzuweisung an oftmals sehr bemühte Mütter darstellt.

 Es ist geradezu eine Diskriminierung psychosomatisch Kranker, wenn diesen ohne detaillierten Nachweis eine bestimmte ungelöste psychische Konfliktkonstellation, eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur oder ein bestimmtes pathologisches Beziehungsmuster unterstellt wird. Anders formuliert: Aus dem Vorliegen einer bestimmten organischen Krankheit (z.B. Magengeschwür) darf nicht automatisch auf eine bestimmte psychische oder psychosoziale Problematik (z.B. „Hinunterschlucken“ von Ärger, Konflikt mit der Mutter) geschlossen werden. Dies widerspricht nicht nur der Menschenwürde, sondern auch den wissenschaftlichen Erkenntnissen, wonach psychosomatische Störungen sehr komplexe, multifaktorielle Erkrankungen sind.

 Es ist ein Grundproblem einseitiger psychosomatischer Konzepte, dass ihre Vertreter bei den Patienten immer nach jenen Ursachen suchen, die sie bereits vorher in die psychosomatische Krankheit hineingelegt haben. Eine solche unkritische Haltung ist problematisch, weil sie die Komplexität der Psychosomatik reduziert. In der Psychotherapie ist es dagegen unbedingt erforderlich, bei jedem einzelnen Patienten die störungsrelevanten individuellen Denk-, Erlebens- und Verhaltensweisen sowie die krank machenden Lebensbedingungen herauszufinden.

 Das Fehlen organischer Ursachen berechtigt noch nicht zur Unterstellung bestimmter psychogener Wirkfaktoren. Anders formuliert: Die Notwendigkeit einer psychologischen und psychotherapeutischen Behandlung ergibt sich nicht aus dem Vorliegen einer bestimmten psychosomatischen Krankheit, sondern aus dem Nachweis bestimmter psychologischer Faktoren und Verhaltenseinflüsse, die bei verschiedenen körperlichen Erkrankungen in einem bestimmten zeitlichen Zusammenhang stehen, ohne dass deswegen ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis gegeben sein muss.

 1977 wurde von George Engel, einem amerikanischen Arzt und Psychoanalytiker, das biopsychosoziale Krankheitsmodell vorgestellt. Demnach beeinflussen sich Körper, Psyche und soziale Umwelt wechselseitig. Dieses ganzheitliche, integrative Krankheitsverständnis, das alle biologischen, psychologischen und sozialen Ebenen des Erkrankungsprozesses berücksichtigt, stellt derzeit die konzeptionelle Basis in der modernen Psychosomatik dar. Im Einzelnen sind damit noch nicht bestimmte psychosomatische Erkrankungen erklärt, es werden aber folgende Phänomene verständlich: Unter psychischen und psychosozialen Extrembelastungen kann jeder Mensch körperlich erkranken; dieselben Belastungsfaktoren können zu unterschiedlichen Erkrankungen führen; verschiedenartige Stresssituationen können zur gleichen Krankheit führen; bestimmte Menschen erkranken eher als andere, weil sie über unzureichende Bewältigungsstrategien verfügen und ungünstigere Lebenssituationen vorhanden sind.

Seit Alexander werden vier unterschiedlich schwerwiegende psychosomatische Krankheitsobergruppen im weitesten Sinne unterschieden:

 ·         Befindlichkeitsstörungen (nichtorganische Körpersymptome ohne funktionelle oder somatische Störungsursachen mit keinem oder geringem Krankheitswert),

·         funktionelle (somatoforme und dissoziative) Störungen (primär nichtorganische Störungen mit Krankheitswert),

·         psychosomatische Störungen im engeren Sinne (organische Erkrankungen mit psychosozialen Auslösern oder Verstärkern),

·         somatopsychische Erkrankungen (organische Erkrankungen mit psychosozialen Folgen).

  

Befindlichkeitsstörungen

Körperliches und seelisches Befinden hängen eng zusammen – das weiß jeder, der einmal wegen Problemen in Beziehung oder Beruf unzufrieden und unglücklich war. Befindlichkeitsstörungen sind überwiegend psychisch oder psychosozial bedingte körperliche Beschwerden, bei denen weder chronische Störungen des vegetativen Nervensystems noch krankhafte Gewebeveränderungen oder Schädigungen von Organen bestehen.

 

Es handelt sich dabei um körperliche Symptome bei an sich gesunden Menschen. 80 % der Bevölkerung erleben im Laufe einer Woche irgendein körperliches Symptom, ohne sich deswegen schon krank zu fühlen. Die häufigsten Beschwerden sind Kopfschmerzen, gefolgt von Magenbeschwerden. Durch die Form der persönlichen Wahrnehmung und der subjektiven Krankheitstheorie können diese Beschwerden jedoch bald sehr belastend sein. Befindlichkeitsstörungen können somit nach und nach in funktionelle oder somatoforme Störungen übergehen, die dann als Krankheiten gelten – obwohl die Betroffenen körperlich gesund sind. Derartige körperliche Symptome können auch bei fast jeder erlebnisreaktiven, depressiven und früher so genannten „neurotischen“ Störung auftreten.

 

Funktionelle Störungen

sind Beeinträchtigungen der körperlichen Funktionen ohne organische Ursachen, die häufig psychisch mitbedingt sind. Sie beruhen meistens auf einer Störung des autonomen (vegetativen) Nervensystems und äußern sich dann in Form von Symptomen wie Herzrasen, Atemnot, Schwitzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Manchmal ist auch das willkürliche Nervensystem beeinträchtigt; Störungen der Bewegung, des Sprechens, Hörens oder Sehens sind die Folge.

 Funktionelle Störungen sind oft Ausdruck dafür, dass dem Körper zwar Energie bereitgestellt, diese dann aber nicht abgerufen oder verwendet wird, sodass es zu Fehlsteuerungen und Missempfindungen kommt. Man sollte die Bezeichnung „funktionell“ nicht generell mit „psychisch“ oder „psychogen“ gleichsetzen, denn funktionelle Störungen können auch andere als rein seelische Ursachen haben, wenn sie nicht durch organische Befunde erklärbar sind (z.B. Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch, körperliche oder seelische Überforderung ohne psychiatrische Krankheitswertswertigkeit).

Jeder Vierte geht zum Arzt mit körperlichen Beschwerden, die keine oder keine hinreichende organische Ursache haben. Die Betroffenen verhalten sich wie Patienten, obwohl sie gesund sind, während sich viele andere Menschen, die eigentlich Patienten sein sollten, sich so verhalten, als wären sie gar nicht krank. Im Umgang mit dem eigenen Körper neigen die einen zur Überbewertung körperlicher Symptome und die anderen zum Gegenteil, nämlich zur Krankheitsverleugnung.

 Man kann drei Arten von funktionellen Störungen unterscheiden:

·         somatoforme Störungen,

·         dissoziative Störungen,

·         Syndrome im Umkreis somatoformer Störungen.

 

Somatoforme Störungen

Körperliche Symptome ohne ausreichende organische Ursachen werden im internationalen Diagnoseschema ICD-10, das in Deutschland seit 2000 und in Österreich seit 2001 verbindlich ist, „somatoforme Störungen“ genannt – womit die frühere offizielle Bezeichnung „körperliche Funktionsstörungen psychischen Ursprungs“ ersetzt ist. Viele Betroffene erhielten früher auch folgende Diagnosen: vegetative Dystonie, vegetative Neurose, psychovegetative Labilität oder psychophysischer Erschöpfungszustand.

 Somatoforme Störungen sind häufig psychisch oder psychosozial mitbedingte körperliche Beeinträchtigungen der vegetativen Funktionen ohne Gewebeveränderungen. Die Bezeichnung „somatoform“ besagt, dass diese Störungen wie körperlich verursachte ausschauen, es nach genauer Untersuchung jedoch nicht sind. Die Betroffenen selbst sind allerdings überzeugt, eine körperliche Erkrankung zu haben. Es besteht also eine Diskrepanz zwischen objektivem Befund und subjektivem Befinden. Substanzielle organische Ursachen fehlen zwar, dennoch sollte der Begriff „somatoform“ nicht mit „psychogen“ gleichgesetzt werden, weil die jeweilige Symptomatik oft durch eine Wechselwirkung von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren ausgelöst, aufrechterhalten und bestärkt wird.

 In die klinische Praxis haben die neuen Diagnosen noch nicht ausreichend Eingang gefunden. Viele Ärzte behelfen sich noch immer mit harmlosen Scheindiagnosen und unspezifischen Medikamenten („Pseudoplacebos“ wie etwa allgemeinen Stärkungspräparaten), wodurch sie ihre Patienten oft ungewollt weiterhin in der Annahme einer organischen Ursache bestärken. Auch die früher sehr beliebte Diagnose einer „larvierten Depression“ ist eine reine Verlegenheitslösung. Demnach soll sich hinter der Maske körperlicher Symptome eine depressive Symptomatik verbergen. Ohne genaue diagnostische Abklärung werden dann routinemäßig Antidepressiva verschrieben.

 Die Diagnose einer somatoformen Störung erfordert weder den Nachweis einer organischen Ursache (im Sinne einer „echten“ körperlichen Erkrankung mit psychogener Überlagerung), noch die Aufdeckung einer psychischen Verursachung (etwa im Sinne eines krank machenden Konflikts). Die Abgrenzung zwischen organischen und psychischen Faktoren wird oft überschätzt. Eine somatoforme Störung ist auch dann gegeben, wenn eindeutig eine organische Ursache der körperlichen Symptomatik nachweisbar ist (z.B. bei Rückenschmerzen oder chronischen Unterbauchschmerzen), die Schwere, das Ausmaß, die Vielfalt und die Dauer der Beschwerden sowie die psychosozialen Beeinträchtigungen durch den organischen Befund jedoch nicht ausreichend erklärt werden können.

 Anders gesagt: Bei den somatoformen Störungen geht es nicht primär um den Nachweis einer psychischen Ursache oder den Ausschluss einer organischen Ursache, sondern um die Beschreibung eines typischen Verhaltensmusters, bei dem neben Symptomen, wie sie in der Medizin zur Diagnostik allgemein üblich sind, auch typische kognitive Überzeugungen der Patienten (z.B. subjektive Krankheitstheorien) und bestimmte Interaktionsmuster (Art der Arzt-Patient-Beziehung, soziales Verhalten) bedeutend sind.

 Menschen mit somatoformen Störungen haben nicht einfach nur die Eigenschaft, vielfältige körperliche Symptome zu entwickeln, sondern auch das ständige Bedürfnis, diese durch Kontakte mit Ärzten untersuchen und behandeln zu lassen. Die Betroffenen werden erst dann für nichtmedizinische Behandlungsansätze offen sein, wenn sie ihre organisch orientierten Ursachenerklärungen ändern. Der entscheidende Behandlungsfaktor ist (parallel zu einer breit angelegten Aufklärung der Bevölkerung) ein verständnisvoller und geduldiger Umgang der Ärzte mit den Betroffenen – statt der üblichen organischen Ausschlussdiagnostik und der routinemäßigen Verschreibung von Antidepressiva, Beruhigungsmitteln und Scheinmedikamenten.

 Somatoforme Störungen können unterschiedliche Ursachen haben. Meist liegen körperliche und seelische Belastungen bzw. Überforderungen zugrunde – Stress im weitesten Sinn. Warum bei Stress eine ganz bestimmte körperliche Symptomatik entsteht, kann nur personspezifisch verstanden und im Einzelfall geklärt werden.

 Grundsätzlich sind bei somatoformen Störungen drei Arten von Ursachen zu unterscheiden:

 1.       konstitutionelle Neigung und körperliche Anfälligkeit (Prädisposition), wenn die Belastungen ein bestimmtes Ausmaß erreichen,

2.       auslösende Bedingungen (Auslöser) wie etwa körperliche, psychische oder soziale Belastungsfaktoren,

3.       aufrechterhaltende Bedingungen (Verstärker) wie etwa bestimmte Reaktionen der Betroffenen oder der Umwelt sowie andauernde Belastungsfaktoren, wodurch die Störung chronisch wird.

 

Auf der Basis dieser Faktoren entwickelt sich folgender Teufelskreis:

 

1.       verstärkte Wahrnehmung der Beschwerden, Aufmerksamkeitsfixierung und erhöhtes Erregungsniveau,

2.       Bewertung der Vorgänge als krankhaft,

3.       Entwicklung somatoformer Beschwerden,

4.       Entwicklung eines Schon- und Vermeidungsverhaltens mit einer folglich immer ausgeprägteren Symptomatik, die wiederum wahrgenommen wird und den Teufelskreis verstärkt.

 Bei Menschen mit somatoformen Störungen findet man eine längere Symptomdauer, längere Krankenstände, häufigere Arztbesuche und Klinikaufenthalte als bei vielen anderen Patienten mit vorwiegend psychischen Störungen und Verhaltensstörungen. Somatoforme Störungen sind ein Musterbeispiel dafür, wie wichtig in Zukunft die Zusammenarbeit von Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten ist.

 Patienten mit somatoformen Störungen finden sich meistens in der Praxis von Hausärzten und Internisten, weniger bei Psychiatern. Noch immer haben viele Betroffene Angst, wegen nichtorganischer, „eingebildeter“ Störungen für psychisch krank oder gar verrückt erklärt zu werden. Sie haben einfach große Probleme damit, dass die „Hightech-Medizin“ bei der Diagnose und Behandlung ihrer Störung versagt hat.

 Personen mit somatoformen Störungen sind auch gegenwärtig noch immer als „Stiefkinder“ der Medizin und der Psychotherapie anzusehen. Der unzureichende Behandlungsstand in der klinischen Praxis weist auf Schwachstellen in unserem Gesundheitssystem hin. Die Betroffenen erfahren im Rahmen der jahrelangen Chronifizierung oft auch vonseiten ihrer sozialen Umwelt Unverständnis, Ablehnung, Hilflosigkeit und Aggression und werden nicht selten als Hypochonder abqualifiziert.

 Bei zahlreichen Patienten mit somatoformen Störungen findet man in der Vergangenheit oder in der Gegenwart auch eine Depression, Angststörung oder Persönlichkeitsstörung. Die psychischen Symptome stehen dabei jedoch nicht im Vordergrund des Krankheitserlebens, was die Diagnosestellung erschweren kann. Bei vielen somatoformen Patienten sind dagegen keine psychischen Symptome gegeben. Eine somatoforme Störung ist oft nur erkennbar, wenn über die aktuellen organbezogenen Beschwerden hinaus auch frühere körperbezogene Symptome ohne ausreichenden Organbefund erfragt werden.

 Es ist auffallend, dass viele Patienten mit somatoformen Beschwerden sehr belastende Lebensereignisse oft ohne starke Emotionen berichten. Während aus Beobachtersicht die emotionale Belastung in Form von Körperbeschwerden zum Ausdruck kommt, sehen die Betroffenen selbst meist keine derartigen Zusammenhänge. Sie wissen zwar um ihre psychosozialen Belastungssituationen, können sich jedoch nicht vorstellen, wie sie davon krank werden könnten.

 Es ist sehr bemerkenswert, dass in der neueren Diagnostik und Therapie erstmals interaktionelle Aspekte wie die Arzt-Patient-Beziehung berücksichtigt werden. Oft treten tatsächlich fast unüberwindliche Kommunikationsstörungen auf: Jeder (Arzt und Patient) versucht den anderen vergeblich von seiner Sichtweise zu überzeugen, sodass sich häufig ein Zustand gegenseitiger Frustration ergibt.

 Somatoforme Störungen können zusammenfassend folgendermaßen beschrieben werden:

·         Wieder und wieder werden den Ärzten körperliche Symptome ohne organische Ursachen präsentiert, während andere Menschen ähnliche Beschwerden haben, jedoch ohne ständig verschiedene Fachleute aufzusuchen.

·         Die Betroffenen fordern hartnäckig medizinische Untersuchungen trotz zahlreicher negativer Befunde und trotz der Versicherung der Ärzte, dass die Symptome keine körperlichen Ursachen haben.

·         Wenn körperliche Faktoren vorhanden sind, erklären sie nicht die Art und das Ausmaß der Symptome oder das Leiden und die innere Beteiligung der Patienten.

·         Selbst wenn Beginn und Fortdauer der Symptome in engem Zusammenhang mit unangenehmen Lebensereignissen, Schwierigkeiten und Konflikten stehen, lehnen die Patienten gewöhnlich die ärztlichen Versuche ab, die Möglichkeiten einer psychischen Ursache zu diskutieren.

 Aufgrund dessen ist die Arzt-Patient-Beziehung bald für beide Seiten enttäuschend. Häufig besteht ein gewisses Aufmerksamkeit suchendes Verhalten, besonders bei Patienten, die ihre Ärzte nach allen unergiebigen Untersuchungen nicht von den organischen Ursachen überzeugen bzw. zu weiteren entsprechenden Untersuchungen und Behandlungen veranlassen konnten.

Man unterscheidet sechs Gruppen von somatoformen Störungen:

 1.       Die Somatisierungsstörung ist charakterisiert durch mindestens sechs (häufig wechselnde) körperliche Symptome aus mindestens zwei Organbereichen mit einer Mindestdauer von zwei Jahren. Die diagnostischen Kriterien für die Somatisierungsstörung sind jedoch zu eng gefasst, sodass dadurch nur ein kleiner Anteil an Patienten mit multiplen körperlichen Symptomen erfasst wird. Entsprechend sieht auch die Statistik aus: Weltweit sind nur rund 1 bis 3 % der Bevölkerung betroffen.

 2.       Die undifferenzierte Somatisierungsstörung besteht aus weniger körperlichen Symptomen mit einer Mindestdauer von einem halben Jahr. Dieses unvollständige Bild der Somatisierungsstörung als Restkategorie ist bei etwa 10 bis 16 % der Bevölkerung und bei mindestens 20 % aller Patienten vorhanden.

 3.       Die somatoforme autonome Funktionsstörung besteht aus einer nichtorganischen Fehlfunktion ohne definierte Mindestdauer, vorwiegend in einem bestimmten Organbereich des vegetativen oder autonomen Nervensystems. „Autonom“ besagt demnach, dass es sich um eine Störung des sympathischen oder parasympathischen Nervensystems handelt.

 4.       Die hypochondrische Störung besteht aus Krankheitsängsten ohne körperliche Symptome bzw. aus Krankheitsängsten als Folge der Fehlinterpretation an sich harmloser körperlicher Symptome. Eine Hypochondrie findet man – je nach Definition – bei 1 bis 6 % der Hausarzt-Patienten. Die Dysmorphophobie („Entstellungsphobie“) als anhaltende Angst bzw. Überzeugung, körperlich entstellt oder missgebildet zu sein (z.B. zu große Nase, Ohren, Brust, Hüfte), gilt als Unterform der Hypochondrie, obwohl die Betroffenen eigentlich keine Krankheitsängste haben. Die Häufigkeit derartiger Entstellungsbefürchtungen wurde in der Vergangenheit unterschätzt: Etwa 4 % der Frauen und 1 % der Männer leiden darunter! Die Betroffenen wünschen – zumindest anfangs – gewöhnlich keine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung, sondern eine medizinische Korrektur in Form einer Operation. Häufig liegen gleichzeitig auch andere psychische Störungen vor wie etwa Depressionen oder Angststörungen (insbesondere soziale Phobien).

 5.       Die anhaltende somatoforme Schmerzstörung besteht aus organisch nicht bzw. nicht ausreichend erklärbaren Schmerzen mit einer Mindestdauer von einem halben Jahr. Häufigkeitsangaben für die Bevölkerung fehlen noch, in Hausarztpraxen sind jedenfalls 5 bis 7 % der Patienten betroffen.

 6.       Als sonstige somatoforme Störungen gelten nichtorganische Symptome in Organbereichen, die nicht durch das vegetative Nervensystem vermittelt werden (z.B. bestimmte Hautsymptome).

Symptome wie Kopf-, Brust-, Nacken-, Rücken- oder Gliederschmerzen sind weltweit die häufigsten Körperbeschwerden, gefolgt von funktionellen Beschwerden wie Schwindel, Übelkeit, Blähungen, Reizdarm und Herzrasen. Bis zu 13 % der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einem behandlungsbedürftigen somatoformen Syndrom. Der Anteil somatoformer Störungen beträgt in Allgemeinarztpraxen sogar bis zu 35 %, in Allgemeinkrankenhäusern bis zu 30 %.

 Somatoforme Störungen werden auch durch geschichtliche und soziokulturelle Faktoren geprägt. Vor hundert Jahren etwa litten Betroffene meist unter motorischen Symptomen wie Lähmungen oder nichtorganischen Krampfanfällen, heute stehen oft anhaltende Schmerzen im Mittelpunkt des Erlebens. Interessant ist auch dieser Aspekt: Dieselben psychischen Probleme und Belastungen äußern sich im deutschen Sprachraum körperlich völlig anders als am Balkan oder in Entwicklungsländern.

 

Somatoforme Störungen können in psychosomatische Störungen mit Gewebeveränderungen bzw. organische Funktionsstörungen übergehen.

 

Dissoziative Störungen

Das aktuelle Diagnoseschema unterscheidet im Bereich der nichtorganischen körperlichen Störungen zwischen „somatoformen Störungen“ und „dissoziativen Störungen“. Bei dissoziativen Störungen werden unmittelbare Empfindungen, die Kontrolle von Körperbewegungen, Erinnerungen an die Vergangenheit und überhaupt das Bewusstsein der eigenen Identität nur teilweise oder gar nicht integriert. Die Kontrolle darüber, welche Erinnerungen und Empfindungen für die unmittelbare Aufmerksamkeit ausgewählt und welche Bewegungen ausgeführt werden, ist massiv gestört und führt zu einem extremen Funktionsverlust. Psychische und körperliche Funktionen sind also dissoziiert, abgespalten, voneinander entkoppelt. Je nach Ausprägung kann es sich dabei um körperlich-dissoziative Störungen (z.B. psychogene Gangstörung) oder kognitiv-dissoziative Störungen (z.B. psychogene Gedächtnisstörung) handeln.

 In psychosomatischer Hinsicht relevant sind die körperlich-dissoziativen Störungen, die durch traumatisierende Ereignisse, unlösbare oder unerträgliche Konflikte oder gestörte Beziehungen, also psychogen verursacht sind. Sie werden aufgrund der psychoanalytischen Tradition auch als Konversionsstörungen bezeichnet. Der Begriff „Konversion“, der bereits von Sigmund Freud eingeführt wurde, betont dabei den Umstand, dass die durch unlösbare Schwierigkeiten und Konflikte hervorgerufenen unangenehmen Emotionen in irgendeiner Weise in Symptome umgesetzt werden. Dabei besteht keine Störung des Bewusstseins. Konversionssymptome und kognitiv-dissoziative Symptome mit Störungen des Bewusstseins wie etwa einem psychogenen Gedächtnisverlust können jedoch gemeinsam auftreten, z.B. bei dissoziativen Krampfanfällen.

Man unterscheidet drei Gruppen von körperlich-dissoziativen Störungen (Konversionsstörungen):

 1.       dissoziative Bewegungsstörung;

2.       dissoziative Krampfanfälle;

3.       dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen.

Konversionsstörungen sind nichtorganische Beeinträchtigungen im Bereich der Willkürmotorik und der Sinneswahrnehmung, während somatoforme Störungen primär bei vegetativen Organen auftreten. In den USA werden beide Gruppen als somatoforme Störungen bezeichnet. Die eigenständige Position der körperlich-dissoziativen Störungen im internationalen Diagnoseschema ist ein Tribut an die Geschichte der Hysterie, die seit Sigmund Freud als Ausdruck bestimmter Konflikte gesehen wurde. Diese Störungen wurden früher unter dem Einfluss der Psychoanalyse als „Hysterie“, „hysterische Neurose“ oder „Konversionsneurose“ bezeichnet. Sie werden auch „pseudoneurologische Störungen“ genannt, weil sie wie neurologische Störungen ausschauen, es aber nach genauer organischer Abklärung nicht sind.

 Die verschiedenen Konversionssymptome entsprechen oft den laienhaften Vorstellungen des Patienten von einer körperlichen Erkrankung und stimmen typischerweise nicht mit den bekannten anatomischen Bahnen und physiologischen Mechanismen überein, sodass sie vom Fachmann relativ leicht als nicht neurologisch bedingte Symptome zu erkennen sind. Bei einer Konversionssymptomatik passen die Symptome also nicht zu den unauffälligen organmedizinischen körperlichen Befunden (z.B. trotz scheinbarer Lähmung intakte motorische Funktionen, Blindheit bei normalen Pupillenreaktionen) und auch nicht zur Anatomie des Nervensystems (z.B. Gefühllosigkeitsempfindungen im Widerspruch zum Versorgungsbereich des sensorischen Nervensystems).

 Die Betroffenen verleugnen in auffälliger Weise ihre Probleme und Schwierigkeiten und führen diese allein auf die Symptome als solche zurück und zwar auch dann noch, wenn andere Menschen ihre Probleme und Konflikte längst erkannt haben. Sie sehen keine entsprechenden Zusammenhänge, was sich oft, jedoch nicht immer in einer Gleichgültigkeit gegenüber der Störung bzw. in einem geduldigen Ertragen der Störung äußert. Die Symptomatik hilft den Betroffenen, einem unangenehmen seelischen Konflikt zu entgehen oder indirekt Abhängigkeit oder Verstimmung auszudrücken.

 Während bei einer dissoziativen Störung ein überzeugender Zusammenhang zwischen einem auslösenden Ereignis bzw. Konflikt und der aktuellen Symptomatik gefunden werden muss (der Ausschluss organischer Ursachen reicht nicht aus für eine erforderliche positive Diagnose), ist dies bei einer somatoformen Störung nicht notwendig.

 Die Symptomatik setzt oft akut ein und kann sich spontan zurückbilden, kann aber auch in einen chronischen Verlauf übergehen. Der Grad der Behinderung durch die Konversionssymptome kann wechseln und hängt auch von der Zahl und der Art der anwesenden Personen sowie vom emotionalen Zustand des Betroffenen ab. Neben den zentralen und konstanten Symptomen von Bewegungsverlust oder Empfindungsstörungen kann zusätzlich auch ein Aufmerksamkeit suchendes Verhalten unterschiedlichen Ausmaßes vorhanden sein. Im Gegensatz zur weiten Verbreitung der somatoformen Störungen treten Konversionsstörungen nur bei maximal 0,3 % der Bevölkerung auf und zwar bei Frauen mindestens doppelt so häufig wie bei Männern. Die verschiedenen somatoformen und körperlich-dissoziativen Störungen werden bei den einzelnen Organbereichen detailliert dargestellt.

 

Chronisches Erschöpfungssyndrom

Dieses Syndrom wurde zuerst in den USA untersucht und als undifferenzierte somatoforme Störung bezeichnet. Im internationalen Diagnoseschema wird es außerhalb der Gruppe der somatoformen Störungen unter der antiquierten Bezeichnung „Neurasthenie“ erfasst, nach neueren Forschungsbefunden ist es als Variante einer somatoformen Störung anzusehen.

Das chronische Erschöpfungssyndrom ist eine schwere und lang dauernde Erschöpfung, für die keine organische Ursache gefunden werden kann und die durch Ruhe oder Schonung nicht deutlich zu beheben ist. Als Hauptkriterium gilt eine anhaltende Müdigkeit oder leichte Ermüdbarkeit, die mindestens sechs Monate andauert, neu aufgetreten ist, nicht durch eine andere Erkrankung erklärt werden kann, nicht Folge einer chronischen Belastungssituation ist, durch Bettruhe nicht deutlich zu beheben ist sowie eine erhebliche Reduktion der Leistungsfähigkeit bewirkt. Als Nebenkriterien müssen mindestens vier der folgenden Symptome mindestens sechs Monate lang vorhanden sein: Halsschmerzen, schmerzhafte Lymphknoten, Muskelschmerzen, wandernde, nichtentzündliche Gelenkschmerzen, neu aufgetretene Kopfschmerzen, Konzentrations- und Kurzzeitgedächtnisstörungen, keine Erholung durch Schlaf, verlängerte, mehr als 24 Stunden generalisierte Erschöpfung nach früher tolerierten Beanspruchungen.

 Wegen der starken körperlichen Beschwerden sind die Betroffenen davon überzeugt, an einer organischen Erkrankung zu leiden und lehnen jede psychische Komponente entschieden ab, sodass Überweisungen zu Psychiatern und Psychotherapeuten oft nur schwer möglich sind.

 Die Ursachen des chronischen Erschöpfungssyndroms sind derzeit noch unklar. Man vermutet jedoch eine Störung der komplexen Regulation zwischen Nervensystem, hormonellem System und Immunsystem. Rund 1 % der Bevölkerung ist betroffen, wobei erhebliche Überschneidungen mit anderen psychischen Störungen bestehen. 75 bis 90 % der Betroffenen haben gleichzeitig auch Depressionen, generalisierte Angststörungen oder somatoforme Störungen (Beschwerden wie z.B. Schwindelgefühle, Muskelschmerzen, Anspannung, Unwohlsein). Die Symptomatik verschlechtert sich durch eine lange Dauer und die damit verbundene Inaktivität, sodass durch ein stufenweises Aktivierungsprogramm eine Chronifizierung verhindert werden muss. Die Betroffenen sollen so viel belastet und aktiviert werden wie möglich und so viel geschont werden wie nötig.

 

Umwelterkrankungen

Besonders in den USA sind viele Menschen davon überzeugt, dass die moderne Technik und die heutige Umwelt, die etwa durch Chemikalien belastet ist, den Körper krank machen. Unter dem Begriff der Umweltkrankheit werden alle möglichen Beschwerden zu einem Syndrom zusammengefasst:

·         Störungen des Zentralnervensystems wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, geistige Erschöpfung, Störungen des Denkens, der Konzentration und der Merkfähigkeit, Depressionen, Gereiztheit, Schlafstörungen, Schwindel, Benommenheit,

·         „Reizsymptome“ wie Reizungen der Schleimhäute, der Augen oder der Haut,

·         vegetative Beschwerden wie etwa ein nervöser Magen, Völlegefühle, Blähungen, Durchfall, Verstopfung, krampfartige Bauchschmerzen, Atemprobleme, häufiger Harndrang, Herzrasen,

·         andere Störungen bzw. Schmerzen wie Brustschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Schwellungen, „eingeschlafene“ Finger oder Zehen.

 Die frühere Bezeichnung „multiple chemische Sensitivität“ wird heute durch den Begriff „idiopathische umweltbezogene Unverträglichkeiten“ ersetzt. „Idiopathisch“ heißt so viel wie „selbstständig, ohne erkennbare Ursache entstanden“. Diese Diagnose darf also nur gestellt werden, wenn bekannte organmedizinische oder psychiatrische Störungen als Ursache ausgeschlossen werden können. Die Bezeichnung „umweltbezogen“ soll nur zum Ausdruck bringen, dass die Betroffenen ihre Beschwerden auf Umwelteinflüsse zurückführen, während die meisten anderen Menschen dieselben Umweltprobleme ohne Beschwerden ertragen.

 Im Gegensatz zu klar definierten Krankheitsbildern mit konkret nachgewiesenen Substanzen wie Erkrankungen durch Asbest belastete Räume sind die Ursachen der Umweltkrankheit unbekannt – nicht für deren Verfechter, die alle möglichen Stressfaktoren anführen, denen wir in der modernen Welt ausgesetzt sind, z.B. die belastete Luft in den Städten, Dieselabgase, Tabakrauch, organische Lösungsmittel, Pflanzenschutzmittel, verschiedene Kunststoffe, parfümierte Shampoos, Medikamente, Baustoffe, Reinigungsmittel, elektromagnetische Kräfte. Die Vertreter dieses Störungskonzepts behaupten, dass etwa 2 bis 10 % der Bevölkerung unter derartigen Beschwerden leiden würden.

 Die Betroffenen leiden nach Auffassung der meisten Fachleute unter einer somatoformen Störung, haben jedoch ein Bedürfnis nach einer organischen Erklärung ihrer Symptome und suchen die Schuld dafür in der Außenwelt, und zwar in der Lebensweise der westlich-industriellen Welt sowie in der modernen Technik.

Psychosomatische Störungen im engeren Sinne

Unter psychosomatischen Störungen im engeren Sinne versteht man alle Organschädigungen oder Störungen körperlicher Funktionsabläufe, die so stark durch psychische bzw. psychosoziale Faktoren beeinflusst sind, dass organmedizinische Ursachen allein das Geschehen nicht ausreichend erklären können. Anders formuliert handelt es sich dabei um körperliche Krankheiten mit einer nachweisbaren Gewebeschädigung von Organen oder mit einer organisch bedingten Störung körperlicher Funktionen. Psychische oder soziale Faktoren spielen dabei eine mehr oder weniger bedeutsame Rolle in der Auslösung, Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung der Störung.

 Das Wort „Psychosomatik“ wird wegen der Vieldeutigkeit des Begriffs im aktuellen Diagnoseschema vermieden. Psychosomatische Störungen im engeren Sinne werden sehr allgemein definiert als psychologische Faktoren und Verhaltenseinflüsse bei andernorts klassifizierten Krankheiten, die die Entstehung oder den Verlauf dieser Erkrankungen beeinflusst haben. Man sollte daher zukünftig auch im medizinischen Alltag die offizielle Bezeichnung „psychologische Faktoren oder Verhaltenseinflüsse bei …“ verwenden (z.B. mit dem Zusatz „bei Asthma bronchiale“). Psychosomatische Störungen im engeren Sinne erfordern also eine Doppeldiagnose: einerseits den Code für psychologische Faktoren, andererseits den Code für die jeweilige organische Störung. Als typische Beispiele für derartige Doppeldiagnosen gelten folgende Erkrankungen: Asthma bronchiale, Magengeschwür, Darmgeschwür, Dermatitis, Ekzem, Nesselsucht (Urtikaria). Bei stärkerer Ausprägung psychiatrischer Symptome ist zusätzlich auch noch die entsprechende psychiatrische Diagnose wie etwa „Anpassungsstörung, längere depressive Reaktion“ zu stellen. Dies kommt gerade bei Schmerzpatienten im klinischen Alltag häufig vor.

 Psychosomatische Patienten verstehen oft lange Zeit das Zusammenspiel von Körper und Seele nicht. Sie trennen den körperlichen und den seelischen Bereich strikt voneinander, sodass sie zu einseitigen, rein körperlichen Behandlungsversuchen neigen – und dies wird häufig noch durch die Vertreter der entsprechenden Behandlergruppen verstärkt! Sie stehen ihren Beschwerden oft verständnislos gegenüber, verharren in einer organisch fixierten Krankenrolle und wandern von Arzt zu Arzt in der Hoffnung auf eine rein organische Problemlösung. Die Betroffenen erleben ihre „Seele“, das heißt ihre Bedürfnisse und Gefühle, nicht mehr direkt, sondern nur mehr verfremdet über ihren Körper und müssen lernen, ihr Leiden vom Körperlichen und vom Seelischen her zu verstehen und zu verändern. Eine Minderheit neigt dagegen zu rein seelischen Erklärungsversuchen und vernachlässigt die organmedizinische Seite der Erkrankung.

 Neben den dissoziativen, somatoformen und psychosomatischen Störungen im engeren Sinne gibt es im aktuellen Diagnoseschema noch eine weitere Kategorie seelisch-körperlicher Störungen: „Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren“. Dazu gehören vor allem die Essstörungen, die nichtorganischen Schlafstörungen und die nichtorganischen sexuellen Funktionsstörungen. Auf diese Störungen kann in diesem Buch aus Platzgründen nicht näher eingegangen werden.

  

Somatopsychische Erkrankungen

Unter somatopsychischen Erkrankungen versteht man körperliche Grunderkrankungen, als deren Folge sich seelische Symptome und psychosoziale Beeinträchtigungen ergeben oder die eine intensive psychische Verarbeitung (Krankheitsbewältigung) erfordern. Kurz gesagt handelt es sich dabei um die psychischen und sozialen Folgeerscheinungen organischer Erkrankungen sowie um deren Bewältigung. Im Rahmen des heute gängigen biopsychosozialen Krankheitsverständnisses geht man davon aus, dass jede Krankheit eine körperliche, psychische und soziale Komponente hat: Primär psychische Störungen wie eine Angststörung oder eine Depression zeigen sich auch in Form körperlicher Symptome, primär körperliche Krankheiten haben auch psychische und soziale Auswirkungen, die ebenso bedacht und bewältigt werden müssen wie die organische Grundstörung. Demnach kann man jede körperliche Erkrankung unter psychosomatischen Gesichtspunkten betrachten.

Je chronischer der Verlauf einer körperlichen Erkrankung, umso häufiger treten die organischen Aspekte zugunsten der psychischen und psychosozialen in den Hintergrund. Da rein medizinische Maßnahmen allein oft keine ausreichende Besserung bringen, werden psychosomatische bzw. verhaltensmedizinische Behandlungskonzepte zukünftig immer wichtiger, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Diese Sichtweise erfordert eine interdisziplinäre Zusammenarbeit aller heilenden und helfenden Berufsgruppen.

 Typische Beispiele für Krankheiten und Operationen mit somatopsychischen Folgezuständen sind etwa: Krebs, AIDS, koronare Herzkrankheiten, Asthma bronchiale, Magen-Darm-Geschwüre, bestimmte Hautkrankheiten, Diabetes mellitus, Schilddrüsenerkrankungen, rheumatische Erkrankungen, zahlreiche Schmerzstörungen, Autoimmunstörungen, chronische Niereninsuffizienz (bei Dialyse-Patienten), Epilepsie, Kopfverletzungen, Kopfoperationen und Erkrankungen des Gehirns. Bei diesen und anderen chronischen Beschwerden gilt das in der Organmedizin vorherrschende eindimensionale biomedizinische Krankheitsverständnis nicht mehr. Im Rahmen einer umfassenden Therapie müssen auch die Lebensgewohnheiten, sozialen Belastungen, individuellen Verhaltensgewohnheiten und psychosozialen Rahmenbedingungen bedacht werden.

 Ziel aller psychologisch-psychotherapeutischen Interventionen bei chronischen Erkrankungen ist es, die Lebensqualität zu verbessern und die Gefahr einer zunehmenden Behinderung abzuwenden. Psychosoziale Faktoren sind während der gesamten Rehabilitation von immenser Bedeutung. Es wird geschätzt, dass 35 bis 40 % aller Krankenhaus-Patienten neben der körperlichen Erkrankung auch psychische Beeinträchtigungen aufweisen. Es handelt sich dabei vor allem um meist schon chronifizierte psychische Störungen wie Angststörungen, Depressionen, somatoforme Störungen sowie Alkohol- und Medikamentenmissbrauch bzw. -abhängigkeit, die den Prozess der körperlichen Genesung negativ beeinflussen.

 Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen müssen als Folge der körperlichen Symptome, operationsbedingten Entstellungen und körperlichen Funktionseinbußen oft zahlreiche psychische und soziale Probleme bewältigen lernen:

·         subjektive Lebensbedrohung und Angst vor dem Tod,

·         Unveränderbarkeit oder gar Fortschreiten der Erkrankung,

·         mangelnde Vorhersagbarkeit des Krankheitsverlaufs,

·         verminderte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit,

·         Beeinträchtigung der körperlichen Integrität,

·         Bedrohung des Selbstbildes und Verminderung des Selbstwertgefühls,

·         Verschlechterung der Stimmung und Bedrohung des emotionalen Gleichgewichts,

·         Einschränkung der Sozialbeziehungen und der möglichen sozialen Rollen,

·         Abhängigkeit von Ärzten und Pflegepersonal sowie vom ganzen Medizinsystem,

·         Abhängigkeit von Maschinen und technischen Hilfsmitteln,

·         Bedrohung oder Einschränkung der beruflichen Möglichkeiten,

·         Verunsicherung und Einschränkung bezüglich der Zukunfts- und Lebensplanung,

·         chronische Schmerzen und Beeinträchtigung durch opiathältige Schmerzmittel,

·         Deprimierung durch abschreckend und negativ erlebte Therapien,

·         abwertende Reaktionen vonseiten der Umwelt.

 

 Ende, vielen Dank!